Die Sache mit dem Luxus

Gerade sitze ich noch glückselig umgeben von Arbeitskollegen, mit denen ich zusammen auf das Wochenende anstoße, da überfällt mich schon der Gedanke an morgen: Ich muss mein altes Zimmer streichen, muss beim OBI Dübel kaufen, die ich sogar selber in die Wand bohren muss. Ab morgen darf ich nach 22 Uhr kein Bier mehr draußen trinken, nicht mit über 10 Leuten Zuhause feiern. Zuhause, wo ich kein Internet habe, nicht mal eine Küche. Die muss ich am Sonntag erst selber abbauen, durch halb Köln fahren, ausladen und später montieren. So viel Arbeit, so wenig Spaß. Aber dafür ist doch das Wochenende da, dass man Spaß hat, dass man von der Woche abschaltet, von dem vielen Stress, den ich in meinem geregelten Arbeitsverhältnis mit monatlicher Entlohnung, Urlaubstagen und Pausenzeiten ertragen muss. Da ist es doch nicht zu viel verlangt, dass wenigstens etwas klappt, dass der Techniker mir sofort die Leitungen fürs Onlinevergnügen legt, mir Freunde beim Transport des Mobiliars helfen und ich abends mit ihnen darauf anstoßen kann? Das ist doch wohl das Mindeste? Das ist doch mein Grundrecht? All das denke ich mir, nachdem ich stressfrei nach dem gemeinsamen Umtrunk nach Hause zurückgekehrt bin, auf meinem weichen Bett liege und mit meinem 300€-Handy Siedler-IV-Musik höre. Sie erinnert mich an meine Jugend, als ich zusammen mit meinem Bruder in einer intakten Ehe aufgewachsen bin, in meinem eigenen Raum in Ruhe zocken konnte, wenn ich mal gerade nicht die Hausaufgaben oder das Klavierspielen aufschob – hach, war das damals alles einfach. Mittlerweile gleicht mein Alltag ja einem Marathon, muss ich mich doch um so viele Besorgungen kümmern, wie die, aufgrund des Bestellwerts kostenlose Amazon-Bestellung bei den Nachbarn abholen, die ein Mitarbeiter dort abgegeben hat. Und dann auch noch so viel Geld ausgeben, bis zu 8€ für eine warme, gesunde Mahlzeit, für die ich nichts tun musste als den Geldbeutel öffnen. Eine Schande ist das…

Ich lebe im puren Luxus, bin die Prinzessin auf der Erbse, die im Paradies das Haar in der Suppe finden. Wofür andere Leute beten, tausende von Kilometer an Reisedistanz auf sich nehmen, wurde mir in die Wiege gelegt. Ich beschwere mich über 90%, wo andere nicht mal 5 haben und verfluche mein Leben für die fehlenden 10 Prozent. Und dabei denke ich nicht ans Jetzt, sondern ans Früher. Wenn jemand auf Instagram schreibt, Corona-Maßnahmen seien überzogen und man habe ein Anrecht auf Spaß, denke ich zurück an unsere Großeltern, die im Krieg groß geworden sind, die Hunger gelitten und um ihr Leben gefürchtet haben. An deren Eltern, die das Gleiche durchgemacht haben. Und deren Eltern. An deren Eltern, die unter Seuchen und Plagen litten und die das alles durchgestanden haben für ihre Kinder, für uns. Für verzogene Blagen, die nicht gelernt haben, mit dem Nachbarskind zusammen eine Sandburg zu bauen, sondern lieber mit der Schüppe zuhauen. Die weinen, wenn ihnen ein Sandkorn ins Auge fliegt, während sie andere mit Dreck bewerfen. Anderen, die nicht das Glück hatten, ihr Leben leben zu dürfen. Die heute noch in ähnlichen Verhältnissen leben müssen, während wir danebenstehen und uns freuen, dass uns unsere besorgte Mutter die tränenden Augen freigerieben haben.

Wer aus der Geschichte nicht lernt, ist dazu verdammt, die Fehler zu wiederholen. Lasst uns lernen. Lasst uns lernen, dass das Gegebene nicht das Ewiggeltende ist. Wir leben in einer Zeit des Wohlstandes und wer diesen Text lesen kann, gehört unweigerlich zu den Privilegierten dieser Zeit – allein schon wegen des Autors. Ein wenig mehr Dankbarkeit und viel mehr Verständnis. Eine Maske macht keinen Maulkorb, ein Alkoholverbot kein Freudeverbot. Es sind Zustände, die wir zum Glück nie lernen mussten, aber jetzt müssen wir lernen. Von unseren Vorfahren und ihrer Angst vor dem Krieg, vor dem nächsten Bombenhagel, vor Hunger und der Frage, was morgen ist. Für mich ist morgen Samstag. Ich werde meine alte Wohnung streichen, dafür werde ich zum Baumarkt gehen und mit meiner EC-Karte Wandfarbe und Abklebeband kaufen. Und auf meinem Weg werde ich eine Maske tragen, eine Erinnerung an all das, was uns erspart blieb, weil andere es für uns durchgestanden haben. Ein lächerlich geringer Preis, den ich bereit bin zu zahlen. Dafür, dass es mich erinnert, was ich alles als gegeben hinnehme, als selbstverständlich. Für die Sicherheit, dass ich keine Angst haben muss, dass meine Liebsten oder ich jederzeit sterben könnten. Denn da hört für mich der Spaß auf.

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