Overlord

Erscheinungsdatum: 2007

Entwickler: Triumph Studios

Genre: Action-Adventure

Spieldauer: 30 Stunden


Kindgerechte Grausamkeit

Ich weiß noch, wie ich damals diese Review geschrieben habe und sie mit dem Satz begann: „2007 war ein gutes Jahr: Michael Schumacher kehrte zu Ferrari zurück.“ Aus heutiger Sicht etwas zynisch – und dabei interessiere ich mich nicht mal für Formel 1. Aber das Ganze liegt ja auch schon wieder ein paar Jahre zurück. Und damit auch zurück zur Materie: 2007 war wirklich ein gutes Jahr. Neben Mass Effect 1 erschien nämlich auch Overlord von der Spieleschmiede Codemasters, die zu dem Zeitpunkt Spiele wie Colin McRae, The Lord of the Rings Online oder Worms 4 zu verantworten hatten. Logisch also der Schritt, ein Action-Adventure über einen grausamen Herrscher in einer Fantasiewelt zu machen, der mit der Hilfe seiner kleinen Schergen zum Rennsportprofi wird. Oder war es Schreckensherrscher? Die Linien verblassen.

Die Wahl einer Mätresse ist auch Teil des Spiels, wirkt sich spielerisch aber kaum aus.

Tatsächlich habe ich Overlord aber noch in guter Erinnerung, weil es zu dem Zeitpunkt für mich einzigartig war: Man konnte böse sein. Zwar nicht ich-zünde-dein-Haus-an-und-raube-dir-deine-Tochter-Böse, aber USK-16-Böse. Während in anderen Rollenspielen das Böse-Ende im Grunde nur ein alternatives Szenario darstellt, ist dies der Hauptbestandteil des Codemaster-Spiels, das sich damit in eine Riege von Spielen wie Fable, Black & White oder Dungeon Keeper einreiht. Und das Böses tun Spaß machen kann, weiß man ja nicht zuletzt durch Multiplayer-Titel und das Internet im Allgemeinen.

„Meister, das Böse steht euch gut! Machen wir uns auf den Weg! Es gibt Schändliches zu tun!“

Gnarl, Ober-Minion

Die Sache mit dem Herrscher

Aber zurück zu Overlord: Wir sind der namensgebende Overlord und im Grunde der kleine Bruder von Sauron aus Der Herr der Ringe. Wir tragen eine dunkle Rüstung, lebt in einem gruseligen Turm und quälen unsere Untergebenen. Ähnlich wie das große Vorbild, erbt der Overlord aber auch ein paar Schwächen des großen Vorbilds: So ist er äußerst wortkarg (man könnte auch von stumm sprechen) und wäre ohne seine Helfer recht aufgeschmissen. Doch halt: Helfer? Ein mächtiger Overlord braucht doch keine Schergen, um seine Feinde zur Strecke zu bringen! Traurige Wahrheit: Doch, braucht er. Denn so kräftig Gevatter Schweigsamkeit auch aussehen mag, so schwach ist er doch, wenn es ins Gefecht geht. Aber ein dunkler Herrscher macht sich ja auch nur in den seltensten Fällen die eigenen Hände schmutzig. So lange man kompetente Untergebene in den Rängen hat, muss man das ja auch nicht. Und das Aufbauen eines Imperiums des Bösen sollte dann ja ein Leichtes sein.

Die Sache mit den Schergen

Doch gutes Personal ist bekanntlich rar und teuer. Und so kommt es, dass unser Oberdiener Gnarl, der zugleich unseren Mentor darstellt, mehr Gehirnschmalz auf die Waage bringt, als der restliche Horde Minions zusammen. Aber unsere Diener sollen sich ja auch nicht gegenseitig den Satz vom a-Quadrat erklären, sondern den niederen Diensten frönen, zum Beispiel unseren herrschaftlichen Turm ausfegen, sich als Rohmaterial für besondere Waffen anbieten, im Kampf den Kopf für uns hinhalten und generell zu plündern, brandschatzen, rauben und morden. Also alles, was unser dunkles Herz begehrt.

Von unserem Bollwerk des Bösen ziehen wir also gegen Menschen und Fantasy-Wesen ins Feld, um unser Heer an treu-doofen Minions zu vergrößern, unseren Turm auszubauen und die Welt zu unterjochen. Dabei dürfen wir uns an die schrägen und witzigen Monologe und Dialoge unserer Gefolgsleute untereinander und mit den Charakteren der überdrehten Fantasiewelt erfreuen. Denn so düster die Prämisse des Spiels eigentlich ist, so unterhaltsam ist es auch.

„Einhörner – überbewertete Grubenponys“

Gnarl, hat immer was zu meckern

Denn Overlord ist kein Spiel, das vor Grausamkeit oder Gewaltinszenierung strotzt, sondern vielmehr eine Parodie des Fantasy-Genre, ähnlich den Werken des Fantasy-Autoren Terry Pratchett. Das zeigt sich besonders in der stereotypen Darstellung der verschiedenen Völker, als da wären die homosexuelle Elfen, welche ihr Leben dem Erhalt alles Kuschligen und Weichem gewidmet haben, oder den konstant betrunkenen Zwergen, die alles lieben, was in irgendeiner Form zur Explosion gebracht werden kann. Nicht zu vergessen auch die eigenen verblödeten Anhänger, die freudeschreiend für uns ins nächste Lavabecken rennen.

Die Sache mit dem Gameplay

Overlord setzt mehr auf seine lustigen Momente, als wirkliche spielerische Abwechslung. So motiviert der Ausbau eures Turms zu Beginn, doch wirkliche Neuerungen bzw. Vorteile bleiben aus. Ebenso spielt die Wahl eurer Mistress eine eher geringe Rolle, eine wirkliche Bindung zu der Dame eurer Wahl findet nicht statt. Auch die Spielmechanik kann sich mit der Zeit abnutzen, wie zum Beispiel das Plündern, da sich nach der ursprünglichen Zerstörungsorgie beim Verlassen des Gebiets alles wie von Zauberhand wiederaufbaut. Zwar macht das Taktieren mit den vier unterschiedlichen Miniontypen zu Beginn noch Spaß, kann aber ebenfalls mit der Zeit an Faszination verlieren.

Mein größter Kritikpunkt ist aber, dass man nie wirklich böse ist. Natürlich ist das nicht die Intention des Spiels, denn das sinnlose Abschlachten unschuldiger Menschen macht nur bedingt und auch dann nur in kleinen Dosierungen Spaß – wenn überhaupt. Moralisch kann man das Ganze sowieso nicht schönreden, auch wenn wir uns natürlich in einer Fantasy-Welt mit übergewichtigen Halblingen und sprechenden Bäumen befinden. Allerdings hat mich auch damals schon die cartoonhafte Schwarz-Weiß-Zeichnung gestört. Zu Beginn verlassen wir unseren Turm, um das Umland zu erobern. Dabei stoßen wir auf eine Siedlung von Bauern, die von Halblingen terrorisiert werden. Nachdem wir die Halblinge und ihren Anführer besiegt haben, öffnen uns die Dorfbewohner Tür und Tor – dem großen Mann in der schwarzen Rüstung und den roten Augen wohlgemerkt, der zuvor seine Schergen angewiesen hat, die umliegenden Felder niederzubrennen. Klar können wir die Dorfbewohner jetzt auch niedermetzeln, aber wir können halt auch einfach „nett“ sein, da uns das Dorf ohnehin huldigt. Es fehlen die Graustufen und die besonders dunklen Schwarztöne. Aber dafür ist Overlord zu unernst, um eine tiefer gehende Auseinandersetzung mit der Thematik erwarten zu lassen. Aber das brauch es auch gar nicht.

Die roten Minions können aus der Distanz mit Feuerbällen werfen… und auch durch Feuer laufen. Praktisch für alle, die nicht auf gekochten Herrscher stehen.

„Das Böse findet immer einen Weg!“

Gnarl, hat auch meistens recht
Die Musik stammt von Michiel van den Bos und ist ein Fest aus der Fantasy-Klischee-Kiste. Das Main-Theme ist aber top!

Denn wie auch das Böse hat auch Overlord seinen Weg in mein Herz gefunden. Denn tatsächlich fühle ich mich nur zu 50% wie ein dunkler Herrscher, der sich die Welt untertan machen möchte. Die anderen 50% des Spiels bin ich eher wie eine Mutter von einer Horde verblödeter Minionkindern, auf die ich aufpassen, für die ich sorgen und die ich auch erziehen muss – wenn ich sie nicht gerade in den Tod schicke. Auch wenn sie nicht die Hellsten sind, sind sie doch in ihrem beschränkten Geist sympathische Wichte und die Einzigen, die ich in meiner Rolle als Tyrann auf meiner Seite wissen wollen würde.

Insgesamt hat das Spiel einfach eine tolle Atmosphäre und einen fantastischen Humor, der häufig aus Situationskomik besteht. Wenn ich meine Minions zum Plündern umherschicke und die einen sich in der Ecke mit erbeuteten Weinflaschen besaufen, die anderen mit Kürbissen als Helme zurückkehren, ringt dies selbst einem so grausamen Herrscher wie mir ein Schmunzeln ab. Ich kann es wirklich wärmstens empfehlen, ebenso wie den Nachfolger, Overlord 2.

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