Anno 1602

Erscheinungsdatum: 1998

Art: Gamerip

Komponist: Markus Pitzer

Trackzahl: 22


Als alles noch so simpel war

Als ich diesen Artikel schreiben wollte, war mir eigentlich relativ klar, worum es gehen sollte: Ich hatte gerade den Anno 1602 Soundtrack gehört und wollte erzählen, wieso ich ihn so großartig finde. Und dabei ist mir aufgefallen, dass ich meine Begeisterung schlecht ohne das Wort Nostalgie würde begründen können. So kam ich dann darauf, dass es eigentlich über das Thema ‚ältere Spiele und Soundtracks‘ gehen müsste – nur was ist ‚alt‘? Ein Spiel von 1998, das ich in meiner Kindheit nächteweise gespielt habe, während der Sprecher mir Warnungen wie „Euer Volk hungert“ oder „Es mangelt an Tabakwaren“ zurief – ist das alt? Oder ist ein altes Spiel eines aus 2006, in dem ich minutenlang in den Städtebildschirmen geblieben bin, nur um der schönen Musik zu lauschen? Oder ist ein altes Spiel noch viel älter und begeisterte mit einer simplen Polka-artigen Melodie Generationen von Menschen?

Mir wurde klar, dass mich das Alter des Spieles nicht weiterbringen würde. Wie sollte ich also erklären, warum mir diese MIDI-Musik so viel bedeutet? Wieso sie mich traurig stimmt, mich beruhigt, mich aufwühlt und dann wieder mit diesem wohlig warmen Gefühl der Vertrautheit verlässt? Geht es nur mir so? Und was viel wichtiger ist: Wie kann ich andere davon überzeugen, wie großartig diese Musik ist? Muss man selbst stundenlang fasziniert vor dem Röhrenbildschirm gesessen und seine kleinen Marktkarren dabei beobachten haben, wie sie die Steine vom geschäftigen Steinbruch mit seinem regelmäßigen „Klack-Klack“-Geräusch zurück zum Marktplatz transportiert hat? Oder reicht es, wenn man jemandem sagt: „Hör dir das mal an, das ist so wunderschön.“ Ich glaube, die Antwort darauf ist wohl: „Nein.“ Du musst der Person zeigen, warum diese Musik so wichtig für dich ist. Wie du panisch die Karte abgesucht hast, als einer der „Fight“-Tracks anschwoll und dich gefragt hast, wer gerade dein friedliches Inselreich angreift. Du musst ihm die potthässlichen Zwischensequenzen zeigen (die du natürlich mitsprechen kannst) und die jedes Mal auftauchen, wenn irgendwo ein Feuer ausbricht. Du musst ihm stolz zeigen, wenn deine Bilanz für ein paar Sekunden im Positiven ist und ihn mitfiebern lassen, wenn sich deine Schiffe im Zweikampf befinden und du nur hoffst, dass es für den Sieg reicht. All das musst du tun, damit er nur ansatzweise versteht, warum du diesen Soundtrack eines fast 20 Jahren alten Spiels heute noch hörst.

Aber dafür fehlt mir leider die Zeit. Mir und ihm fehlten die Zeit, wir können das alles nicht noch einmal machen, diese Zeitreise in ihrer Gesamtheit durchleben. Aber mir bleiben die Erinnerungen, die Gefühle. Vielleicht ist das der Grund, warum mich die MIDI-Version von „Amazing Grace“ heute noch bewegt. Oder „Ave Maria“. Oder „Dreamer“. Oder ganz besonders „In the Beginning“. Am Ende kann man es wohl doch auf die Nostalgie zurückführen, auf diesen geistigen Schleppanker, der einem in der Vergangenheit festhält. Das soll aber kein Grund sein, warum Leute ohne meine Erinnerungen keinen Spaß an dem Soundtrack von Anno 1602 haben können. Oder Heroes of Might and Magic 5. Oder eben Tetris. Es macht es nur schwerer, meine Bewertung nachzuvollziehen. Wahrscheinlich ist die Idee, Musik zu bewerten, von Grund auf zum Scheitern verurteilt – schließlich gibt es auch Leute, die gerne Alexander Marcus hören. Trotzdem wünsche ich jedem, dass er wenigstens etwas von der Faszination und Begeisterung Soundtrack mitnehmen kann, wenn ich von meinen Lieblingen berichte. Genau dafür ist Anno 1602 ein guter Testballon. Denn es ist zu 50% klassische Musik und zu 50% Eigenkomposition. Und wenn man sich auf „Greensleeves“ einlassen kann, warum dann nicht auch auf „Irish Touch“?

Vielleicht habe ich ja jemanden animieren können, doch mal reinzuhören. Meine Meinung kennt ihr jetzt: Ich kann es nur empfehlen. Und wer mag, kann mich auf dieser musikalischen Reise in meine nahe und ferne Vergangenheit begleiten, beim nächsten Essay über die Musik eines Spiels. Ich hatte erst überlegt, den Text mit einer umformulierten Version des Intros von Anno 1602 zu beenden, aber das war mir dann doch zu kitschig. Deshalb ein kurzes „Tschüss“ und danke fürs Lesen.


Nostalgiewarnung

Die Wertung der einzelnen Tracks ist rein subjektiv und durch meine eigene Erfahrung mit dem Spiel deutlich gefärbt. Mehr dazu findest du in dem Artikel Die Sache mit der Nostalgie.

Track-Nr.TitelInterpretBewertung
1Discovery of the WorldMarkus Pitzer55/5
2In the BeginningMarkus Pitzer55/5
3DaydreamMarkus Pitzer55/5
4Creators CreditsMarkus Pitzer55/5
5DreamerMarkus Pitzer55/5
6EmotionMarkus Pitzer55/5
7FriendMarkus Pitzer55/5
8Morning MoodMarkus Pitzer55/5
9GreensleevesMarkus Pitzer55/5
10Irish TouchMarkus Pitzer55/5
11Entry of the CavalryMarkus Pitzer55/5
12Ocean TripMarkus Pitzer55/5
13Daydream (Original)Markus Pitzer55/5
14Ballad of HopeMarkus Pitzer55/5
15Air from Suite No. 3 in D majorMarkus Pitzer55/5
16Amazing GraceMarkus Pitzer55/5
17Ave MariaMarkus Pitzer55/5
18Brandenburgisches Konzert Nr. 4 G-DurMarkus Pitzer55/5
19Fight 1Markus Pitzer55/5
20Fight 2Markus Pitzer55/5
21Fight 3Markus Pitzer55/5
22Ending ThemeMarkus Pitzer33/5

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