Anno 1701

Erscheinungsdatum: 2006

Art: Original Soundtrack (OST)

Komponist: Pierre Lange, Tilman Sillescu

Trackzahl: 32


Neue Ufer und orchestrale Tiefen

Das Spiel

Nach Anno 1503 machte die Serie mit dem Nachfolger einen Sprung von zwei Jahrhunderten in Richtung Moderne und landete 2006 mit Anno 1701 den ersten Serienableger, den ich tatsächlich nur wenige Stunden spielte. Grund 1: Die Grafik. Nach dem recht ernsten Look von 1503 war mir 1701 zu bunt, zu comichaft. Alles war etwas quietschiger, knuddeliger – für einen pubertierenden 14-Jährigen ein absolutes No-Go. Grund 2, wenn auch banaler, war dagegen der ausschlaggebendere Punkt: die Technik. Das Spiel wollte sich (wie die meisten Spiele) einfach nicht mit meinem Windows Vista anfreunden und wenn es dann mal lief, ruckelte es zu sehr. Geknickt gab ich mich geschlagen und verpasste ein Game, das wohl erst durch die Kampagne der Erweiterung Der Fluch des Drachen gut wurde. Insofern kein Verlust, könnte man meinen, wäre da nicht in guter, alter Anno-Tradition der hervorragende Soundtrack.

Der Soundtrack

Für diese Review (und die zukünftigen auch) habe ich mir vorgenommen, tiefer in die Materie einzusteigen, mehr zu recherchieren und umfangreicher über die Hintergründe und Entstehungsprozesse des Soundtracks zu berichten. Das geht natürlich nicht immer, aber in diesem Fall konnte ich ein paar interessante Fakten zusammentragen … los geht‘s! Wer meine Review zur Musik von Anno 1503 gelesen hat, weiß vielleicht noch, dass damals Alexander Röder die Kompositionen zusammengesampelt hat. Dieser sollte später bei Dynamedion arbeiten, einem deutschen Unternehmen, das im Jahr 2000 von Tilman Sillescu und Pierre Langer gegründet wurde und sich auf Videospielkompositionen spezialisiert hat. Das es erst jetzt in einer meiner Reviews auftaucht ist überraschend, schließlich stammen viele, meiner Meinung nach sehr gute Soundtracks aus dieser Kreativschmiede.

Einer davon wurde für Anno 1701 geschrieben. Für ihn zeichnen Langer und Sillescu verantwortlich. Diese konnten Publisher Sunflower davon überzeugen, den Soundtrack vom Brandenburgischen Staatsorchester Frankfurt einspielen zu lassen einen gewaltigen qualitativen Sprung bedeutete. Erst letztens schrieb ich davon, wie begeistert ich von der Orchestrierung von Gothic 3 war, bei der ebenfalls nicht gesampelt – wie damals üblich – sondern mithilfe eines richtigen Orchesters aufgezeichnet wurde. Klar haben MIDIs und Samples ihren Charme, aber möchte man sich ein Herr der Ringe oder Star Wars ohne echte Instrumente vorstellen? Wohl kaum. Das Ganze wurde darüber hinaus für ein besonders volles Klangerlebnis in 5.1 abgemischt – für Videospiele ein Novum. Wer mehr über den Entstehungsprozess des Scores erfahren möchte, kann sich gerne dieses Entwicklertagebuch durchlesen.

Für ihre Arbeit am 1701-Soundtrack konnten die Komponisten auf ihre Erfahrungen mit anderen Spielen wie Die Gilde 2, ParaWorld oder SpellForce 2 zurückgreifen und immer wieder gibt es Tracks, die ihre Verwandtschaft nicht leugnen können. Generell besetzt Dynamedion seit damals die Nische von Mittelalter-Fantasy-Hintergrund-Bombast und liefern immer eine durchweg hohe Qualität ab, die viele Tracks auf meine Top-Liste spült … so auch hier. Während in Anno 1503 noch viele Adaptionen und Variationen bekannter Seefahrerlieder wie Scarborough Fair oder Werke klassischer Komponisten zu hören waren, handelt es sich bei den Tracks von 1701 um neue Kompositionen. Diesen ist allen der Charakter des Aufbruchs inhärent, des Positivistischen und Hoffnungsfrohen –  eine Anlehnung an die Romantik des 19. Jahrhunderts.

Es beginnt direkt mit dem ersten Track „A New World“, der im Gegensatz zu anderen Soundtracks ein Leitmotiv etabliert, dessen Dreiklang-Verlauf wir in vielen weiteren Stücken wiederfinden werden. Nach einem kurzen Verharren spielt das Orchester auf. Mit Streichern, Percussions und Flöten wird zum Aufbruch gerufen, bevor die Bläser das Thema erklingen lassen. Vielleicht ist es meine überreizte Fantasie, aber es drückt genau die Knöpfe, dass sich in meinem Kopf das Bild eines Schiffes formt, welches in ferne Gestade aufbricht. Während wir es langsam aus dem Hafen auslaufen sehen, nimmt sich das Orchester wieder zurück, ich beobachte einen Jungen am Kai, der sich mit einem anderen Streuner darüber unterhält, wohin die Reise der Crew wohl geht. Bedächtig begleitet das Orchester dieses Gespräch, bevor es wieder schallend anschwillt. Die Kamera in meinem Kopf zoomt heraus und fährt über das Deck des Schiffes, an dessen Bug der Kapitän in den Horizont blickt – endlich geht es los.

Diesen Grundtenor behält der Soundtrack über weite Strecken bei und auch die passenden Bilder in meiner Fantasie bleiben gleich. „Beautiful Day“ wirkt mit seinen bedächtigen Bläsern und Streichern teilweise wie ein Western, gleichsam denke ich aber auch Oliver Twist und Disneys Pocahontas. Generell ähnelt Annos Score mit seinem Mittelalteridyll diversen Stücken aus den Filmen des erwähnten Maus-Konzerns. So hören wir bei „Enter the City“ erneut das Hauptthema, das durch wechselnde Instrumentarisierung variiert wird und mich an die Szene aus Die Schöne und das Biest erinnert, bei der Bell auf dem Markplatz umhertanzt.

Im 7. Track „Fight for Freedom“ wird dann zum ersten Mal das sorglose Inselbebauen und das bisherige Grandeur gestört, die Bläser rufen zum Kampf und zur Hektik. Diese Tracks („Cataclysm“, „Melee“, „Cold Steel“, „Onwards Annonians“, „Kill and Bite“ sowie „Battleground“) ähneln sich dabei sowohl untereinander stark, als auch Langers und Sillescus Arbeit am fantastischen SpellForce 2-Score, weshalb ich trotz ihrer schockierend kurzen Länge eine Schwäche für sie hege. Gleichsam treten hier auch Elemente wie Vocals auf, die bei der romantischen Siedellei fehlen.

Dies bildet zusammen mit den thematischen Songs, wie die Musik der Eingeborenenstämme sowie Desasteruntermalung eine willkommene Abwechslung im uniformen Gesamtwerk, dessen Tracks sich durch das Leitmotiv ähnlich anhören und sich nur in Nuancen unterscheiden. Mich persönlich stört dies wenig, schließlich erwarte ich von einem Anno-Soundtrack genau das: eine angenehme Hintergrundberieselung, die mein Spielerlebnis beim entspannten Lieferkettenoptimieren begleitet. Anders sieht es hingegen Simon Elchlepp von der Seite vgmonline.net, der in seiner empfehlenswerten und deutlich analytischeren Review Folgendes bemängelt:

„The sometimes gorgeous beauty of these compositions is never in doubt, and particularly for lovers of lyrical woodwind soli, this soundtrack is a feast for the senses. But the compositions’ relative emotional uniformity is the soundtrack’s biggest, albeit hardly fatal, downfall. Most of the cues on the soundtrack fall into the described mold of pastoral, mirthful orchestral material, and particularly when sequenced in longer stretches, like in the middle portion of the soundtrack album, the music’s relentless optimism and sunny demeanour can become a bit tiring and predictable.“

Simon Elchlepp, Soundtrack-Kritiker

Diese Kritik kann ich nachvollziehen, wenn man den Soundtrack als ganzes Album erlebt und nicht wie ich einzelne Tracks hört. Würde ich jedem Score die Ähnlichkeit zu anderen Werken der gleichen Komponisten oder innerhalb eines Albums ankreiden, so könnte ich kein Assassin’s Creed mehr genießen, müsste DOOM für seine E-Gitarren-Uniformität hassen und fangen wir erst gar nicht mit der Heroes-Reihe an. Nein, ich kann in 30 Restaurants die gleiche Pizza bestellen und sie wird jedes Mal anders schmecken. Die musikalischen Häppchen bei Anno 1701 munden mir und für mich ist es immer wieder eher spaßig, wenn man Elemente irgendwo wiederfindet und die Assoziationskette in Gang gerät. Wie in „Stay Negative“, in dem mich die Streicher an das Goa-uld-Theme aus Stargate erinnern. Oder eben das Bild des Aufbruchs, das zu Anno eben genau so gut passt wie zu Pocahontas.


Track-Nr.TitelInterpretBewertung
1A New WorldTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
2Beautiful DayTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
3Apples in the TreesTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
4Enter the CityTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
5Rich MerchantsTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
6Catch the RabbitTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
7Fight for FreedomTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
8CataclysmTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
9MeleeTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
10AztecsTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
11PiratesTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
12To the ShoresTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
13Rivers and MeadowsTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
14Sing and RejoiceTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
15Lake FreedomTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
16A New DayTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
17Glory to Our KingTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
18Fields of PeaceTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
19Beggars and KingsTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
20Cold SteelTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
21Onwards AnnoniansTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
22Kill and BiteTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
23BattlegroundTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
24Black DeathTilman Sillescu & Pierre Langer33/5
25Stay NegativeTilman Sillescu & Pierre Langer33/5
26IrokeseTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
27AsiaTilman Sillescu & Pierre Langer33/5
28IndiansTilman Sillescu & Pierre Langer33/5
29Move ForwardTilman Sillescu & Pierre Langer44/5
30Land of HappinessTilman Sillescu & Pierre Langer55/5
31Cheerful CloudsTilman Sillescu & Pierre Langer33/5
32Windmills in Green FieldsTilman Sillescu & Pierre Langer55/5

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